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Happy End für das Sommermärchen in Sübafrika

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von am 13.06.2010 um 19:27 (68 Hits)
Joachim Löw will in Südafrika vollenden, was Jürgen Klinsmann vor vier Jahren begann: den Traum vom Titel mit einer jungen deutschen Mannschaft. Jogi Löw


Henry Lebea ist der beste Chauffeur von Johannesburg. Nach dem WM-Eröffnungsspiel hat er uns am Freitag auf eine schier unfassbare Weise unfallfrei heimgefahren durch das Verkehrschaos. Die Seitenspiegel seines Sammelkombis hatte Henry umspannt mit einem Tuch in den Farben Südafrikas, und er war stolz auf das 1:1 gegen Mexiko – aber plötzlich hat er gestöhnt: „Freunde, habt ihr es gut.“
Wir waren gespannt, und während Henry virtuos dem nächsten Schlagloch auswich, hat er uns seinen Neid näher erklärt. In den tollsten Tönen sang er das Hohelied auf die deutsche Mannschaft und schwärmte, der Anbetung nahe: „Oh my god, what a team!“.
Das heißt, frei übersetzt: Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!



Wir haben Henry versprochen, dass wir schon heute aufstehen werden. Ganz früh, gleich um sechs. Da schellt der Wecker, und dann geht’s zum Flughafen und ab nach Durban, wo Jogis Jungs heute Abend ab halb neun die Australier aus den Schuhen spielen – und der Funke von Henry vollends überspringt auf die deutsche Seele.



Den Kaiser hat die ansteckende Vorfreude schon seit Tagen am Wickel. Da ist Franz Beckenbauer im DFB-Quartier aufgekreuzt, hat geglüht vor WM-Fieber und gesagt, dass ihm diese Truppe gefällt und den Bundestrainer beglückwünscht zu der geballten „Spielfreude und Bewegung“, die da auf dem Platz zu besichtigen ist – und er hat Jogi Löw und seinen Männern schon einmal „einen schönen Heimflug am 12. Juli“ gewünscht.
Das ist der Tag nach dem WM-Endspiel.



Der Gedanke verträgt kaum das Schnaufen, denn der Kaiser lässt uns da träumen von der Vollendung des Sommermärchens 2006 im südafrikanischen Winter 2010 und von wunderbaren Bildern: Der kleine Philipp Lahm, gestützt von kräftigen Helfern, stemmt im Soccer-City-Stadion den WM-Pokal, während die Kanzlerin auf der Tribüne den Kaiser herzt und einen Boogie-Woogie mit ihm tanzt – mit glühenden Backen, schwarz-rot-gold tätowiert. Unmöglich? Ausgeschlossen? Unvorstellbar?
Deutschland - Australien



Eigentlich schon. Eigentlich, sagt der Kaiser, eigentlich reicht es nicht. Brasilien und Spanien sind seine Favoriten, aber der Franz wäre nicht der Beckenbauer, wenn er sich nicht folgendermaßen relativiert hätte: „Wir kommen ins Halbfinale, und dann ist alles drin.“ In der Haut von Brasilien und Spanien will er dann nicht mehr stecken.



Man muss das alles sehr ernst nehmen, denn der Kaiser weiß, wie man Weltmeister wird. Dreimal waren wir es schon, ja fast viermal: 2006 haben wir als guter Gastgeber am Ende freiwillig verloren, aber jetzt ist der Weg wieder frei. Joachim Löw kann mit seinen munteren Talenten rücksichtslos Weltmeister werden. Er muss sie nicht mehr aus diplomatischen Gründen bremsen.



Wir sehen die Bilder schon vor uns, wie Özil und Marin entfesselt ihre Haken schlagen und uns mit ihrer Spielfreude so anstecken, dass uns sogar der Klose nicht mehr im Hals stecken bleibt, sondern wahrscheinlich schon heute Abend gegen die Australier einen Scherenschlag hinlegt mit anschließendem Handstandüberschlag.



Ein guter Start, und die Sache kann wieder in diesem Märchenfieber münden wie vor vier Jahren, dieser hingebungsvollen Begeisterung und großen Leidenschaft. Keinen hat dieser Fußball kaltgelassen, alle zog er in seinen Bann, die klügsten Intellektuellen und feinsten Generaldirektoren fluchten auf der Tribüne wie die Bierkutscher, Damen der besten Gesellschaft saßen mit ihren Putzfrauen vor dem Fernseher, die Parlamentarier schwänzten Sitzungen, links und rechts und Arm und Reich rückten zusammen, die deutsche Elf wurde zum letzten Bindemittel einer auseinanderklaffenden Gesellschaft. Auch Jogis angehende Weltmeister haben das Zeug dazu. Oder ist die Mannschaft zu jung?



Selbst der Kapitän Lahm muss im Kino bei Filmen ab 18 noch den Ausweis vorzeigen, und auch der Bundestrainer ist manchmal skeptisch. Löw sagt: „Man muss sehen, was in Drucksituationen passiert.“



Dafür stimmt umso mehr der Teamgeist. Und zwar bis zum letzten Ersatzspieler, dem alten Butt im Tor. Keine Minute wird der wohl bei dieser WM spielen, und doch hat er nie daran gedacht, den Urlaub vorzuziehen, so wie 1934 der Mittelläufer Münzenberg. „Ich will doch am Samstag heiraten“, hat der gemurrt, als er nachnominiert wurde, und erst nach dem Machtwort des Trainers Herberger („Eine Hochzeit kann man verschieben, eine WM nicht“) eingelenkt.



Da hat es Löw leichter. Alle ziehen mit. Aber das Wichtigste: Der springende Punkt ist der Ball, und der ist schon lange von keiner Mannschaft mehr so gut behandelt worden. Diese neue Mannschaft spielt keinen Dampfnudelfußball mehr. Kaum noch einer verstaucht sich bei der Ballannahme den Fuß, für keinen muss man an der Mittellinie einen Stolperdraht aufziehen, damit er nicht das eigene Aufbauspiel und ästhetische Empfinden der Zuschauer stört wie einst Kohler oder Wörns. Frage: Was ist Deutschland bei dieser WM zuzutrauen – alles oder nichts?



Laut Umfragen rechnet einer von drei Deutschen mit dem Aus im Viertelfinale. Das könnte dann immerhin noch für die Engländer reichen, auf die wir womöglich im Achtelfinale treffen, und die jetzt schon wieder zittern vor dem, was sie die „Kraut Efficiency“ nennen: Unsere fürchterliche Effektivität – und dass wir nie kapieren, wann ein Spiel verloren ist, sondern es mit Gewalt noch herumdrehen, mit einem Hinterkopfball à la Seeler, spätestens aber im Elfmeterschießen. Kann das auch Löws Rasselbande?



Es ist jedenfalls alles angerichtet, Australien kann kommen. Auch Henry ist zuversichtlich: Im Rückfenster seines Kombis hängt eine deutsche Flagge.





dpa

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